Pflegeeinrichtungen stehen seit Jahren unter Druck. Der Fachkräftemangel wächst, der Pflegebedarf steigt und der Dienstplan entwickelt sich vielerorts zum täglichen Puzzle mit fehlenden Teilen. Eine Lösung, die viele ambulante Pflegedienste, Seniorenheime oder Kliniken nutzen, ist die Leiharbeit. Kurzfristig kann sie helfen, Versorgungslücken zu schließen. Langfristig sorgt Leiharbeit jedoch oft für Diskussionen, Frust im Team und steigende Kosten. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Ist Leiharbeit eine nachhaltige Lösung oder eher ein Pflaster auf einer strukturellen Wunde? Und welche Alternativen gibt es, um langfristig Personal zu gewinnen und zu halten? Dieser Beitrag gibt die Antworten.
Was ist Leiharbeit in der Pflege eigentlich?
Leiharbeit – häufig auch als Zeitarbeit oder Arbeitnehmerüberlassung bezeichnet – beschreibt ein Arbeitsmodell, bei dem Pflegekräfte bei einem Personaldienstleister angestellt sind und temporär in Pflegeeinrichtungen eingesetzt werden. Die Einrichtungen „leihen“ sich also Personal, um kurzfristige Engpässe zu überbrücken. Das Prinzip klingt zunächst sinnvoll und in vielen Situationen ist es das auch. Wenn beispielsweise mehrere Mitarbeitende gleichzeitig ausfallen, saisonale Belastungen entstehen oder offene Stellen kurzfristig nicht besetzt werden können, kann Leiharbeit Versorgungssicherheit gewährleisten. Für Pflegekräfte kann dieses Modell ebenfalls attraktiv sein. Viele entscheiden sich bewusst für die Leiharbeit, weil sie dort oft flexiblere Arbeitszeiten, bessere Vergütung oder die Möglichkeit haben, verschiedene Einrichtungen kennenzulernen. Gleichzeitig entfallen häufig langfristige Bindungen oder organisatorische Verpflichtungen innerhalb eines festen Teams. Das bedeutet: Leiharbeit ist kein „Fehler im System“, sondern zunächst ein nachvollziehbares arbeitsmarktpolitisches Instrument. Problematisch wird es meist dann, wenn Einrichtungen dauerhaft auf diese Lösung angewiesen sind.
Wie verbreitet ist Leiharbeit in der Pflege?
Leiharbeit ist in der Pflege inzwischen fester Bestandteil der Personalstruktur. Auch wenn ihr Anteil am Gesamtpersonal vergleichsweise gering erscheint, hat sie in vielen Einrichtungen eine enorme operative Bedeutung.
Aktuell sind rund 40.000 Leiharbeiter in Pflegeunternehmen beschäftigt.
Auf den ersten Blick wirkt diese Zahl überschaubar. In der Praxis sieht das allerdings oft anders aus: In einzelnen Einrichtungen oder Regionen kann der Anteil deutlich höher liegen – insbesondere dann, wenn der Fachkräftemangel besonders stark ausgeprägt ist. Hinzu kommt, dass Leiharbeit häufig punktuell eingesetzt wird, etwa zur Abdeckung von Nacht- oder Wochenenddiensten. Dadurch wirkt ihr Einfluss auf den Arbeitsalltag oft größer, als es statistische Zahlen vermuten lassen. Viele Einrichtungen berichten, dass sie ohne Leiharbeit kurzfristig den Betrieb kaum aufrechterhalten könnten. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein, dass diese Lösung langfristig teuer werden kann – nicht nur finanziell, sondern auch organisatorisch und kulturell.
Warum wird Leiharbeit so kontrovers diskutiert?
Leiharbeit sorgt in der Pflege für gemischte Gefühle. Während sie einerseits Versorgungssicherheit schafft, bringt sie andererseits neue Herausforderungen mit sich.
- Kosten der Leiharbeit: Ein häufiges Thema sind die Kosten. Leiharbeitskräfte sind für Einrichtungen meist deutlich teurer als festangestellte Mitarbeitende. Die kurzfristige Verfügbarkeit hat ihren Preis und der kann sich bei dauerhaftem Einsatz schnell summieren.
- Teamdynamik: Mindestens genauso relevant ist jedoch der Einfluss auf die Teamdynamik. Pflege lebt von Vertrauen, eingespielten Abläufen und persönlicher Beziehung – sowohl im Team als auch gegenüber Pflegebedürftigen. Wenn regelmäßig wechselnde Mitarbeitende eingesetzt werden, kann das diese Stabilität erschweren.
- Fairness: Viele festangestellte Pflegekräfte empfinden zudem eine gewisse Unfairness, wenn Leiharbeitskräfte für vergleichbare Tätigkeiten mehr verdienen oder sich ihre Einsatzzeiten flexibler gestalten können. Das kann zu Frustration führen und im schlimmsten Fall dazu beitragen, dass weitere Mitarbeitende selbst in die Leiharbeit wechseln.
Aus Sicht von Führungskräften entstehen zusätzlich organisatorische Herausforderungen. Neue Mitarbeitende müssen eingearbeitet werden, kennen interne Abläufe nicht und benötigen oft intensivere Abstimmungen. Das kostet Zeit – eine Ressource, die in der Pflege ohnehin knapp ist.
Typische Kritikpunkte an der Leiharbeit sind:
- Höhere Personalkosten
- Mehr organisatorischer Aufwand
- Schwächere Teambindung
- Unterschiedliche Arbeitsbedingungen innerhalb eines Teams
Gleichzeitig darf man nicht vergessen: Viele Pflegekräfte entscheiden sich nicht ohne Grund für die Leiharbeit. Oft suchen sie bessere Arbeitsbedingungen, mehr Wertschätzung oder mehr Flexibilität – also genau die Faktoren, die Einrichtungen langfristig selbst beeinflussen können.
Eine bundesweite Umfrage unter mehr als 300 Krankenhäusern zeigt: Fast alle setzen Leiharbeit ein, um Krankheitsausfälle und Belegungsspitzen abzufedern.
Warum wechseln Pflegekräfte überhaupt in die Leiharbeit?
Die Gründe für den Wechsel sind selten rein finanzieller Natur. Viel häufiger geht es um Arbeitsbedingungen, persönliche Lebensplanung oder das Gefühl, mehr Kontrolle über den eigenen Arbeitsalltag zu haben. Viele Pflegekräfte berichten von hoher Arbeitsbelastung, Personalknappheit und fehlenden Entwicklungsmöglichkeiten. Wenn dann ein Arbeitgeber flexible Arbeitszeiten, verlässliche Dienstpläne oder eine bessere Work-Life-Balance bietet, wirkt das verständlicherweise attraktiv. Leiharbeit wird dadurch oft nicht als Notlösung, sondern als bewusste Karriereentscheidung wahrgenommen. Für Einrichtungen ist das eine wichtige Erkenntnis. Denn es zeigt, dass Personalgewinnung nicht nur über Stellenanzeigen funktioniert, sondern vor allem über die Attraktivität als Arbeitgeber.
Die langfristige Alternative: Eine starke Arbeitgebermarke aufbauen
Hier kommt Employer Branding ins Spiel. Hinter diesem Begriff verbirgt sich weit mehr als ein schickes Logo oder eine moderne Karriereseite. Es geht darum, sich als glaubwürdiger, attraktiver und verlässlicher Arbeitgeber zu positionieren. Eine starke Arbeitgebermarke sorgt dafür, dass Einrichtungen nicht nur kurzfristig Personal finden, sondern langfristig Mitarbeitende binden. Sie schafft Vertrauen, Identifikation und Orientierung – sowohl für Bewerbende als auch für bestehende Teams. Dabei geht es nicht darum, sich besser darzustellen, als man ist. Im Gegenteil: Erfolgreiches Employer Branding basiert auf Authentizität. Wer glaubwürdig kommuniziert und tatsächlich gute Arbeitsbedingungen schafft, wird langfristig attraktiver für Fachkräfte.
Personalmarketing ernst nehmen – und strategisch denken
Viele Pflegeeinrichtungen betreiben bereits Personalmarketing – oft jedoch eher nebenbei. Eine einzelne Stellenanzeige hier, ein Social-Media-Post dort. Das ist ein Anfang, reicht aber selten aus, um nachhaltig sichtbar zu werden. Erfolgreiches Personalmarketing funktioniert strategisch. Es beantwortet zentrale Fragen: Wer sind wir als Arbeitgeber? Wen möchten wir ansprechen? Und warum sollten Pflegekräfte genau bei uns arbeiten?
Dazu gehören unter anderem:
- Klare Positionierung als Arbeitgeber
- Zielgruppengerechte Ansprache von Bewerbenden
- Authentische Einblicke in den Arbeitsalltag
- Sichtbarkeit auf den richtigen Kanälen
Gerade junge Fachkräfte informieren sich heute intensiv online über potenzielle Arbeitgeber. Eine moderne, transparente und gut strukturierte Kommunikation ist daher längst entscheidend für die Personalgewinnung.
Gute Arbeitsbedingungen bleiben der wichtigste Erfolgsfaktor
Marketing allein reicht natürlich nicht aus. Die beste Karriereseite bringt wenig, wenn die Realität im Arbeitsalltag nicht mithalten kann. Eine starke Arbeitgebermarke entsteht immer aus der Kombination von Kommunikation und tatsächlichen Arbeitsbedingungen. Viele Einrichtungen investieren deshalb gezielt in Maßnahmen, die die Zufriedenheit und Bindung der Mitarbeitenden stärken. Dazu gehören verlässliche Dienstplanung, Weiterbildungsmöglichkeiten oder familienfreundliche Arbeitsmodelle. Auch scheinbar kleine Faktoren können eine große Wirkung haben. Wertschätzung, transparente Kommunikation oder echte Beteiligungsmöglichkeiten im Arbeitsalltag tragen wesentlich dazu bei, dass Mitarbeitende bleiben – und ihren Arbeitgeber weiterempfehlen.
Bis 2049 werden voraussichtlich mindestens 280 000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt
Fluktuation reduzieren statt Personal ständig ersetzen
Hohe Fluktuation verursacht enorme Kosten und organisatorischen Aufwand. Neue Mitarbeitende müssen gesucht, eingestellt und eingearbeitet werden. Gleichzeitig geht wertvolles Erfahrungswissen verloren. Viele Einrichtungen erkennen zunehmend, dass es wirtschaftlich sinnvoller ist, bestehende Mitarbeitende langfristig zu binden, statt kontinuierlich neues Personal zu rekrutieren. Eine starke Arbeitgebermarke kann dabei helfen, Loyalität und Identifikation zu fördern. Langfristig entstehen dadurch stabile Teams, bessere Arbeitsabläufe und eine höhere Versorgungsqualität. Und ganz nebenbei sinkt auch die Abhängigkeit von Leiharbeitskräften.
Warum Employer Branding auch wirtschaftlich sinnvoll ist
Auf den ersten Blick wirkt der Aufbau einer Arbeitgebermarke wie eine zusätzliche Investition. Betrachtet man jedoch die Kosten für Leiharbeit, Recruiting oder Fluktuation, zeigt sich schnell ein anderes Bild.
Eine nachhaltige Arbeitgeberstrategie kann:
- Recruitingkosten reduzieren
- Mitarbeitendenbindung stärken
- Teamstabilität verbessern
- Abhängigkeit von Leiharbeit verringern
Kurz gesagt: Wer langfristig in seine Arbeitgeberattraktivität investiert, investiert gleichzeitig in wirtschaftliche Stabilität.
Leiharbeit bleibt Teil des Systems – aber nicht die einzige Lösung
Realistisch betrachtet wird Leiharbeit auch in Zukunft eine Rolle in der Pflege spielen. Sie kann helfen, kurzfristige Engpässe zu überbrücken und Flexibilität zu schaffen. Problematisch wird sie vor allem dann, wenn sie zur Dauerlösung wird. Viele Einrichtungen stehen aktuell genau an diesem Punkt. Der Fachkräftemangel lässt sich nicht über Nacht lösen. Doch Organisationen, die frühzeitig in Employer Branding, Personalmarketing und Arbeitsbedingungen investieren, schaffen sich langfristig bessere Voraussetzungen.
Fazit: Pflege braucht mehr als kurzfristige Lösungen
Leiharbeit kann Versorgung sichern – aber sie ersetzt keine nachhaltige Personalstrategie. Einrichtungen, die langfristig erfolgreich sein möchten, müssen sich stärker als attraktive Arbeitgeber positionieren. Eine starke Arbeitgebermarke sorgt nicht nur für mehr Bewerbungen, sondern auch für zufriedenere Teams, geringere Fluktuation und stabilere Arbeitsstrukturen. Und genau das ist letztlich entscheidend – für Mitarbeitende, Pflegebedürftige und Organisationen gleichermaßen. Oder, um es mit einem kleinen Augenzwinkern zu sagen: Wer sich um seine Mitarbeitenden kümmert, muss irgendwann weniger darüber nachdenken, woher die nächsten kommen sollen.
Sie wollen sich als attraktiver Arbeitgeber positionieren und junge Talente sowie qualifizierte Fachkräfte überzeugen? Wir unterstützen Sie gerne im Personalmarketing – von der Strategie bis zur Umsetzung.
Quellen
2026: Bundesagentur für Arbeit: Entwicklungen in der Zeitarbeit, 2026: Link zur Quelle
2026: Handelsblatt: Warum sinkt die Zahl der Zeitarbeitskräfte im Gesundheitsbereich? Link zur Quelle
2024: Leiharbeit in der Pflege: Umstrittenes Rezept gegen den Fachkräftemangel: Link zur Quelle
2024: Statistisches Bundesamt: Pressemitteilung vom 24. Januar 2024: Link zur Quelle