Thomas Matić ist Berater, Speaker und selbst betroffen: Seit seiner Geburt lebt er mit einer komplexen Sehbehinderung. In unserem Gespräch erzählt er, warum Barrierefreiheit mehr ist als eine Rampe, warum Bürokratie die Inklusion hemmt und was sich politisch dringend ändern müsste.
Thomas, du arbeitest als Berater für Inklusion und Barrierefreiheit. Wie bist du zu dem Thema gekommen?
Das Thema begleitet mich mein ganzes Leben. Ich bin mit einer seltenen Augenerkrankung geboren worden, habe unter anderem eine Hornhautverkrümmung, Linsentrübung, Augenzittern und bin lichtempfindlich. Meine Mutter ist, als ich noch klein war, komplett erblindet. Ich habe also schon als Kind hautnah erlebt, was es bedeutet, mit einer Behinderung zu leben. Beruflich habe ich Informatikkaufmann gelernt. Ich habe aber nie in dem Bereich gearbeitet und habe mich daher lange nicht tiefer mit digitaler Barrierefreiheit beschäftigt. Der erste Gedanke zur Selbstständigkeit kam Mitte 2014 und 2017 wusste ich dann, was ich selbstständig machen möchte. Den letzte Schlüsselmoment erlebte ich 2022: Ich wurde betriebsbedingt gekündigt – angeblich. Auf Nachfrage hieß es dann plötzlich, ich sei „auf der falschen Liste“ gelandet. Das war der Auslöser, meine seit Jahren geplanten Überlegungen umzusetzen. Heute bin ich selbstständig und begleite Unternehmen dabei, Barrieren abzubauen.
Du berätst also Unternehmen zu Inklusion. Was genau bedeutet das?
Ich unterstütze Organisationen in Fragen der baulichen, digitalen und systemischen Barrierefreiheit. Zum Beispiel habe ich bei der barrierefreien Umgestaltung eines Einkaufszentrums mitgewirkt und digitale Barrierefreiheit bei einem IT-Unternehmen thematisiert. Nebenberuflich engagiere ich mich ehrenamtlich im Bayrischen Blinden- und Sehbehindertenbund e.V. Vieles ist noch im Aufbau, aber es wird mehr.
Viele Unternehmen kommen durch das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) erst jetzt mit dem Thema in Berührung. Was ist deine Erfahrung: Ist das echte Überzeugung oder eher gesetzlicher Druck?
Beides. Es gibt Firmen, die wollen wirklich etwas ändern. Doch viele Unternehmen haben ein sehr begrenztes Verständnis von Barrierefreiheit. Die denken: Rampe hin, zweite Tür eingebaut, fertig. Dass es um viel mehr geht – um inklusive Kommunikation, digitale Zugänglichkeit oder auch um Haltung – ist vielen nicht bewusst. Manche wollen beraten werden, aber kein Geld dafür ausgeben. Oder sie verstehen gar nicht, dass eine „barrierefreie Website“ mehr ist als ein Overlay. Es fehlt oft an Wissen – und an echtem Willen.
„Es fehlt oft an Wissen – und an echtem Willen.“
Was würdest du Unternehmen raten, die wirklich inklusiver werden wollen?
Erstens: reden. Und zwar nicht nur mit Menschen mit Behinderung, sondern mit allen Mitarbeitenden. Fragen: Was braucht ihr? Was hilft euch im Alltag? Zweitens: Barrierefreiheit darf kein Einmalprojekt sein. Es geht um einen kontinuierlichen Prozess. Drittens: Hört auf, euch hinter Ausreden zu verstecken. Ich habe in meiner Karriere oft erlebt, dass ich in Bewerbungsgesprächen willkommen war – bis ich meine Seheinschränkung erwähnt habe. Danach kam meist die Absage. Nicht, weil ich fachlich ungeeignet war – im Gegenteil. Sondern aus Angst vor Mehraufwand, Haftung oder Umbauten. Dabei lassen sich viele Dinge pragmatisch lösen – ein größerer Bildschirm oder ein digitales Tool. Und das lohnt sich: Wer Barrieren abbaut, gewinnt gute Leute.
Wo siehst du politisch den größten Handlungsbedarf?
Fördermöglichkeiten müssen einfacher werden. Heute ist das ein bürokratischer Albtraum. Arbeitgeber wissen oft nicht mal, was sie beantragen können und selbst Betroffene bekommen keine Infos. Dabei wäre es so einfach: Wenn jemand mit Schwerbehindertenausweis eingestellt wird, greifen automatisch bestimmte Förderungen. Ohne Antrag, ohne ewiges Warten. Außerdem brauchen wir endlich verbindliche gesetzliche Vorgaben – auch für die Privatwirtschaft. Aktuell ist vieles freiwillig. Das reicht nicht.
Und was wünschst du dir persönlich für die Zukunft?
Dass Barrierefreiheit nicht länger als Sonderfall behandelt wird. Dass wir wegkommen von der Angst – und hin zu echter Teilhabe. In Gebäuden, auf Websites, im Kopf.
Thomas, ich danke Dir für das Gespräch!
Portait Fotocopywright: Mario Schmitt