Perspektiven

„Barrierefreiheit ist das neue Responsive Design“: Im Gespräch mit Nina Jameson von Gehirngerecht

Nina Jameson über Chancen und Herausforderungen digitaler Barrierefreiheit

Handgezeichnete Wireframes mehrerer Smartphone-Screens, die beispielhaft den Aufbau barrierefreier Webseiten mit klarer Struktur, Bildern und Navigation zeigen.
Über digitale Barrierefreiheit wird viel geredet. Richtig verstanden, wird sie selten. Für Unternehmen und Organisationen ist sie deshalb oft nur ein Pflichtprogramm – daran hat auch das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) bisher nur wenig verändert. Im Interview erzählt Nina Jameson, Mitgründerin von Gehirngerecht, warum Barrierefreiheit ein echter Wettbewerbsvorteil ist und warum gerade in Deutschland die digitale Zukunft barrierefreien Websites gehört.

Nina, stell dich bitte kurz vor. Wer bist du und was machst du genau?

Gerne. Also, mein Name ist Nina Jameson und ich habe gemeinsam mit Tobias Roppelt die Gehirngerecht Digital GmbH gegründet. Unser Fokus liegt auf digitaler Barrierefreiheit. Das heißt: Wir unterstützen Unternehmen dabei, digitale Angebote so zu gestalten, dass sie für alle Menschen zugänglich und nutzbar sind. Dafür bieten wir Beratung, Umsetzung, Schulungen und Tests rund um barrierefreie Websites, Inhalte und digitale Produkte an. Unser gemeinsames Ziel ist es, das Internet inklusiver zu machen und Barrieren in der digitalen Welt abzubauen.

Digitale Barrierefreiheit ist ja aktuell noch ein Nischenthema. Wie bist du dazu gekommen?

Ich komme ursprünglich aus der Softwareentwicklung, habe Informatik studiert und viele Jahre in der Industrie gearbeitet – vor allem im Bereich Maschinenbau und Robotik. Irgendwann wurde mir klar, dass wir zwar technisch saubere Lösungen entwickeln, aber viele Menschen damit gar nichts anfangen können. Oder schlimmer: Sie werden komplett ausgeschlossen. Das war für mich ein echter Augenöffner, denn ich habe gemerkt, dass ich im Studium und im Job nie etwas über digitale Barrierefreiheit gelernt habe – obwohl sie eigentlich essenziell ist. Parallel haben wir vom Barrierefreiheitsstärkungsgesetz erfahren und uns intensiv damit beschäftigt. Genau aus diesen Impulsen heraus, ist dann Gehirngerecht entstanden.

Nicht jeder kann etwas mit dem Begriff „digitale Barrierefreiheit“ anfangen. Was verstehst du genau darunter?

Gute Frage, denn digitale Barrieren sind für viele Menschen komplett unsichtbar. Ein einfaches Beispiel: Eine blinde Person nutzt einen Screenreader, der Inhalte vorliest. Wenn ein Bild keine Textbeschreibung hat, existiert diese Information für sie schlicht nicht. Oder nimm die Struktur einer Website. Wenn Überschriften nicht logisch aufgebaut sind, kann die Software sie nicht sinnvoll erfassen. Für uns wirkt das vielleicht nur „unordentlich“ – für andere ist die Website aber schlicht nicht benutzbar. All das betrifft übrigens längst nicht nur Menschen mit Behinderung. Auch ältere Menschen oder Menschen mit Konzentrationsproblemen profitieren enorm von digitaler Barrierefreiheit.

Wo begegnen uns solche Barrieren im Alltag, ohne dass wir es merken?

Tatsächlich begegnen uns digitale Barrieren ständig – oft, ohne dass wir es bewusst wahrnehmen. Zu kleine Buttons auf dem Smartphone, schwache Farbkontraste oder eine unklare Navigation kennt wohl jeder. Auch Websites, die plötzlich Musik abspielen, können schnell zur Hürde werden – besonders für Menschen, die mit Screenreadern arbeiten. Und selbst Animationen, die gut gemeint sind, können etwa für Menschen mit ADHS belastend sein. Das Spannende daran: Wenn du Barrieren abbaust, wird deine Website nicht nur zugänglicher. Sie wird für alle Nutzerinnen und Nutzer deutlich ansprechender und intuitiver.

„Digitale Barrierefreiheit ist ein Qualitätsmerkmal.“

Viele Unternehmen und auch Webdesigner nehmen barrierefreies Design dennoch eher als Einschränkung wahr. Was sind deine Gegenargumente?

Ich verstehe den Gedanken, aber er stimmt so nicht. Barrierefreiheit bedeutet eben nicht, dass Gestaltung schlechter wird. Es heißt nur, dass wir Design anders denken müssen. Wenn du beispielsweise Musik einsetzt, brauchst du einfach eine Möglichkeit, sie sofort auszuschalten. Am Ende geht es darum, allen Nutzern gerecht zu werden. Wenn deine Website oder dein Online-Shop das schafft, ist das ist kein Nachteil, sondern ein Qualitätsmerkmal.

Gibt es Branchen oder Unternehmen, die Barrierefreiheit offener gegenüberstehen?

Ich würde sagen, dass ist stark von der Rolle in einem Unternehmen oder in einer Organisation abhängig. UI-/UX-Designer etwa haben allein durch ihren Job ein ganz anderes Verständnis für die Vorteile der Barrierefreiheit. Hier ist oft direkt klar, welchen Nutzen es hat, wenn alle Menschen – beeinträchtigt oder nicht – die Website intuitiv nutzen können.

Wie barrierefrei ist die digitale Welt aktuell in Deutschland?

Sie entwickelt sich langsam in die richtige Richtung – mit Betonung auf „langsam“. Wir sind noch lange nicht da, wo wir sein könnten und wo wir auch sein sollten. Gerade im öffentlichen Bereich fehlt oft der Druck und auch in der Wirtschaft merkt man, dass viele Unternehmen das Thema erst ernst nehmen, wenn sie es müssen. Im Vergleich zu anderen Ländern hängen wir eher hinterher. Dabei wird das Thema mit einer alternden Gesellschaft immer wichtiger. Um nur mal eine Zahl zu nennen: Im Jahr 2035 ist jeder vierte Deutsche 67 Jahre oder älter. Die Zahl der Menschen mit Einschränkungen steigt also enorm und damit wächst auch der Bedarf an Barrierefreiheit – digital und analog.

Ist das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz ein wichtiger Impuls oder eher ein zahmer Papiertiger?

Es ist ein wichtiger Impuls. Ohne gesetzliche Grundlage würden sich viele Unternehmen gar nicht erst mit Barrierefreiheit beschäftigen. Das Gesetz sorgt also dafür, dass das Thema überhaupt auf den Tisch kommt. Aber damit es wirklich wirkt, braucht es auch Kontrollen und Konsequenzen. Da ist noch deutlich Luft nach oben.

Zwang sollte ja eh das letzte Mittel sein. Sprechen wir also über die Chancen der Barrierefreiheit. Welche gibt es genau?

Um es auf den Punkt zu bringen: Barrierefreie Websites sind ganz einfach besser. Sie sind klarer strukturiert, verständlicher und sie performen oft besser – auch im SEO. Studien zeigen, dass sie besser ranken und auch in KI-Systemen besser gefunden werden. Das gleiche gilt für Corporate Blogs oder inklusiv gestaltete Karriereportale und natürlich Online-Shops, die wesentlich besser konvertieren. Außerdem kaufen viele Menschen heute wertebasiert. Wenn du Barrierefreiheit ernst nimmst, zeigt das Haltung und stärkt deine Marke.

„Barrierefreie Websites sind klarer strukturiert, verständlicher und sie performen oft besser.“

Gerade Unternehmen wollen wissen, was sie investieren müssen. Wie aufwendig ist digitale Barrierefreiheit deiner Meinung nach?

Das kommt ganz auf das System an. Manche Tools lassen gar keine barrierefreien Websites zu. Dann ist ein Relaunch oft sinnvoller. Wenn du eigene Software hast, kannst du Schritt für Schritt optimieren. Wichtig ist: Barrierefreiheit ist kein einmaliges Projekt. Sie ist ein Prozess. Es spielen also viele verschiedene Faktoren eine Rolle. Ich würde aber ganz klar sagen, dass es mittel- und langfristig deutlich wirtschaftlicher ist, in Barrierefreiheit zu investieren. Sie rechnet sich wortwörtlich.

Welche Rolle spielt KI bei digitaler Barrierefreiheit?

Eine spannende, aber aktuell noch begrenzte Rolle. Ich habe bisher kein KI-Tool gesehen, das wirklich guten barrierefreien Code oder Content liefert. Das Problem: Es ist einfacher geworden, auch ohne Fachwissen Websites zu bauen. Das macht die Ergebnisse aber nicht unbedingt besser. Meiner Meinung nach kann KI unterstützen, aber sie ersetzt keine Expertise. Am Ende musst du selbst beurteilen können, ob etwas wirklich barrierefrei ist.

Ihr habt ein tolles Buch geschrieben: „Barrierefreie Websites für Dummies“. Erklärt bitte kurz, wer das Buch unbedingt lesen sollte.

Gerne. Wir sind wahnsinnig stolz, dass der Verlag auf uns zugekommen ist und wir dieses Buch schreiben durften. Ich persönlich liebe die …für Dummies-Reihe, weil es im Kern darum geht, Inhalte einfach und verständlich zu vermitteln. Genau das ist auch unser Anspruch. Unser Buch soll ein Türöffner für alle sein, die sich mit digitaler Barrierefreiheit beschäftigen möchten. Deshalb haben wir es – ähnlich wie unsere Workshops – in die Bereiche Design, Entwicklung und redaktionelle Inhalte gegliedert, sodass jede und jeder schnell erkennt: Wo stehe ich eigentlich und was ist mein Beitrag? Du kannst in dem Buch springen oder es ganz klassisch von vorne bis hinten lesen – beides funktioniert. Wir haben außerdem die WCAG-Kriterien einfach erklärt integriert, sodass auch das Thema Konformität verständlich wird. Gedacht ist das Buch vor allem für Menschen aus der Webentwicklung, die bisher wenig Berührung mit digitaler Barrierefreiheit hatten. Grundlegendes Wissen über Websites und HTML sollte man allerdings mitbringen. Und ganz ehrlich: Wer seit zehn Jahren barrierefreie Webentwicklung macht, wird darin wahrscheinlich wenig Neues entdecken.

„Unser Buch ist ideal für all jene, die die Grundlagen barrierefreien Webdesigns lernen wollen.“

Wie lange habt ihr an dem Buch gearbeitet?

Ich habe das Buch ja gemeinsam mit Tobias Roppelt und Christiane Hackl geschrieben.  Tobi hat sich auf das Thema Design konzentriert, Christiane hat den Teil zur Redaktion verfasst und ich habe die Kapitel zu Webentwicklung erstellt. Insgesamt haben wir etwa ein Jahr dafür gebraucht.

Blicken wir zum Abschluss kurz in die Zukunft. Wie wird sich das Thema digitale Barrierefreiheit in den nächsten Jahren entwickeln?

Ich bin überzeugt: Barrierefreiheit wird Standard. Oder anders gesagt: Barrierefreiheit ist das neue Responsive Design. In zehn Jahren wird niemand mehr eine Website kaufen, die nicht barrierefrei ist – einfach, weil es ein Risiko wäre. Und das ist auch gut so. Denn am Ende geht es nicht um Technik. Es geht um Menschen.

Nina, wir danken dir für das Interview!

Mehr über die Arbeit von Gehirngerecht und das Buch „Barrierefreie Websites für Dummies“ erfahren Sie auf der Website der Gehirngerecht Digital GmbH. Link zum Buch. 

Steckbrief

Nina Jameson ist Geschäftsführerin der Gehirngerecht Digital GmbH und Expertin für digitale Barrierefreiheit. Ursprünglich kommt sie aus der Informatik und hat viele Jahre Software für Industrie und Robotik entwickelt. Heute setzt sie sich dafür ein, digitale Angebote inklusiver zu gestalten und Barrieren im Internet abzubauen – mit dem klaren Ziel, Technologie für alle Menschen zugänglich zu machen.

Portrait einer lächelnden Dame mit hellbraunen Haaren vor einer grauen Wand.