Perspektiven

„Mehr Kompetenz statt Mitleid“

Logopädin Diana Bangratz über die Sprachförderung von Kindern mit Down-Syndrom und was echte Teilhabe ausmacht

Ein roter Apfel liegt auf einem Stapel aus vier Büchern auf einem Holztisch. Daneben liegen bunte Stifte, rechts sind drei Bauklötze mit den Buchstaben A, B und C gestapelt. Im Hintergrund ist ein unscharfes, farbenfrohes Bild zu sehen.
Was passiert, wenn wir aufhören, in Defiziten zu denken? Logopädin Diana Bangratz begleitet seit Jahren Kinder mit Down-Syndrom – und erlebt täglich, wie viel möglich ist. Ein Interview über kleine und große Fortschritte, echte Entwicklung und warum Kommunikation viel mehr ist als Worte.

Logopädin Diana Bangratz über die Sprachförderung von Kindern mit Down-Syndrom und was echte Teilhabe ausmacht

Kinder und Jugendliche mit Down-Syndrom bringen viel Potenzial mit – wenn sie richtig gefördert werden. Die Logopädin Diana Bangratz begleitet seit vielen Jahren Kinder mit Trisomie 21 und hat sich auf ihre sprachliche Entwicklung spezialisiert. Im Interview spricht sie über unterschätzte Stärken, frühe Förderung, Vorurteile im Alltag und darüber, warum Kommunikation weit mehr ist als gesprochene Sprache.

Diana, wie bist du eigentlich zur Logopädie gekommen?

Mein erster Berufswunsch war tatsächlich, Gebärdensprachdolmetscherin zu werden. Damals war dieser Weg aber nicht so leicht umzusetzen wie heute. Bei meiner Suche bin ich dann auf die Logopädie gestoßen und habe gemerkt, dass auch dort Gebärden eine Rolle spielen können. So bin ich bei diesem Beruf gelandet. 2008 habe ich dann in einer interdisziplinären Praxis angefangen. Dort wurden bereits einige Kinder mit Down-Syndrom behandelt. Damals bin ich zum ersten Mal intensiver mit dem Konzept des frühen Lesens in Berührung gekommen. Ich habe mich eingearbeitet, es in der Therapie angewendet und schnell gesehen, wie viel damit möglich ist.

Was geschah dann?

Die Erfolge haben sich schnell herumgesprochen und bereits nach kurzer Zeit kamen immer mehr Familien zu uns. Heute begleite ich etwa 35 bis 40 Kinder mit Trisomie 21 pro Woche. Ich lerne wahnsinnig viel von und mit diesen Kindern. Deshalb habe ich mich immer weiter spezialisiert und gebe mein Wissen seit einiger Zeit auch selbst in Fortbildungen weiter.

Das ist eine enorme Zahl. Was begeistert dich besonders an dieser Arbeit?

Die Kinder sind unglaublich authentisch. Man weiß bei ihnen einfach, woran man ist. Ich mag ihre Freude an Beziehungen sehr und finde es immer wieder spannend zu sehen, wie lernfähig Kinder mit Trisomie 21 sind, wenn man die richtigen Zugänge findet. Was mich außerdem berührt: Ich darf viele Kinder über Jahre begleiten. Manche kommen mit zwei oder zweieinhalb Jahren zu mir und ich begleite sie bis in die Jugend oder sogar bis zum Einstieg ins Arbeitsleben. Zu sehen, wie sie wachsen, sich entwickeln und ihren Weg finden, ist etwas ganz Besonderes.

„Kinder mit Down Syndrom sind unglaublich authentisch und auch lernfähig.“

Mit welchen Herausforderungen haben Kinder mit Down-Syndrom in der Logopädie häufig zu tun?

Oft sehen wir Verzögerungen in der Lautentwicklung oder Schwierigkeiten mit Grammatik und Satzbau. Ein zentrales Thema ist außerdem die eingeschränkte Hörgedächtnisspanne. Das heißt: Gehörte Informationen können häufig nicht so gut gespeichert und verarbeitet werden. Hinzu kommt die Muskelhypotonie, also eine Muskelschwäche. Viele denken dabei zuerst an Arme und Beine. Sie betrifft aber auch den Mundbereich. Das hat Auswirkungen auf Sprache, Essen und Trinken. Außerdem spielen Hörprobleme bei vielen Kindern mit Down-Syndrom eine Rolle – etwa durch wiederkehrende Mittelohrentzündungen oder Paukenergüsse. Auch Hörminderungen, die nicht durch Paukenergüsse entstehen, kommen häufig vor. Und natürlich arbeitet auch das Gehirn anders, was sich unter anderem auf Aufmerksamkeit und Verarbeitung auswirkt. Wichtig ist mir aber: Das bedeutet nicht, dass diese Kinder nicht lernen können. Es bedeutet, dass wir anders fördern müssen – strukturierter, visueller, kleinschrittiger und ressourcenorientiert statt defizitorientiert.

Welche Stärken von Kindern mit Down-Syndrom werden deiner Erfahrung nach besonders häufig unterschätzt?

Ganz klar: ihre visuellen Stärken. Viele Kinder mit Trisomie 21 lernen sehr gut über visuelle Reize. Sie profitieren von Gebärden, Symbolen, Buchstaben und Schriftsprache. Auch Abstraktion ist ein spannendes Thema. Gebärden sind eine Form von Abstraktion, Schrift ebenfalls – und viele Kinder können darüber erstaunlich gut lernen. Eine weitere große Stärke ist ihre Beziehungsorientierung. Beziehung ist oft ein echter Motor für Entwicklung. Und was ebenfalls häufig unterschätzt wird: Viele dieser Kinder wollen lernen. Das Potenzial ist da. Sie brauchen nur die passende Unterstützung, damit sie es entfalten können.

„Frühförderung spielt eine sehr wichtige Rolle. Die Kinder sollten aber nicht überfordert werden.“

Welche Vorurteile oder Missverständnisse begegnen dir immer wieder?

Ein Satz, den viele Eltern kennen dürften, ist: „Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ Dahinter steckt sicher der Gedanke, dass man Entwicklung nicht erzwingen kann. Aber dieser Satz wird oft so verstanden, als solle man einfach abwarten. Und das halte ich für problematisch. Frühförderung spielt eine sehr wichtige Rolle. Natürlich geht es nicht darum, Kinder zu überfordern. Aber gerade bei Kindern mit Down-Syndrom können frühe Impulse sehr viel bewirken. Leider begegnet mir auch immer noch die Annahme, dass diese Kinder grundsätzlich nur eingeschränkt lernfähig seien. Die Praxis zeigt aber ganz klar etwas anderes.

Mit welchen Methoden arbeitest du konkret?

In unserer Praxis wird unter anderem mit dem Konzept Castillo Morales gearbeitet. Dies ist vor allem bei Säuglingen und kleinen Kindern sinnvoll, wenn es zum Beispiel um Mundmotorik, Trinkschwäche oder Speichelflusskontrolle geht. Auch das Konzept der Neurofunktionellen Reorganisation nach Padovan wird in unserer Praxis angewendet. Sehr gern nutze ich außerdem „Frühes Lesen“, weil es die visuellen Stärken der Kinder aufgreift und sehr strukturiert aufgebaut ist. Darüber lassen sich Artikulation, Wortschatz und Grammatik fördern. Während manche Kinder eher von der Ganzwortmethode profitieren, kommen andere besser über Buchstaben in die Kommunikation. Für mich gilt: Die Kinder zeigen mir den Weg. Ich versuche nicht, starr ein Konzept durchzusetzen, sondern schaue genau, worauf das jeweilige Kind am besten reagiert. Besonders wichtig ist außerdem die Förderung der sprachlichen Vorläuferfähigkeiten.

Viele Eltern fragen sich: Warum ist ein so früher Beginn wichtig?

Weil Sprache eben nicht erst mit dem ersten gesprochenen Wort beginnt. Die Grundlagen dafür entstehen viel früher. Blickkontakt, gemeinsame Aufmerksamkeit, Symbolverständnis – all das entwickelt sich schon im frühen Kindesalter und kann gezielt unterstützt werden. Nicht jedes Baby mit Down-Syndrom braucht sofort Logopädie. Wenn Trinken und Schlucken gut funktionieren, ist das nicht immer notwendig. Aber wenn es in diesen Bereichen Schwierigkeiten gibt, kann Logopädie schon sehr früh sinnvoll sein. Und auch Gebärden können Eltern schon früh einsetzen. Sie sind nicht nur eine Form der Kommunikation, sondern unterstützen nachweislich auch die Sprachentwicklung.

Apropos Gebärden: Einige Eltern sind anfangs verunsichert, weil es verschiedene Systeme gibt. Hast du hier einen Tipp?

Diese Verunsicherung kenne ich gut. Im Alltag ist es aber oft weniger kompliziert, als es zunächst wirkt. In der Therapie braucht man häufig einen ähnlichen Grundwortschatz: Farben, Tiere, ein paar Verben, typische Alltagsbegriffe. Viele dieser Gebärden ähneln sich ohnehin. Ich orientiere mich deshalb meist an dem, was die Eltern bereits nutzen. Wenn Familien schon mit einem bestimmten System arbeiten, steige ich dort ein.

„Kommunikation ist vielfältig und umfasst weit mehr als nur Sprache.“

Welche Rolle spielen Eltern in deiner Arbeit?

Eine sehr große. Für mich sind Eltern ein zentraler Teil der Therapie. Ich arbeite transparent, erkläre Hintergründe und zeige ganz konkret, was ich tue und warum ich es tue. Gerade am Anfang finde ich es wichtig, dass Eltern in der Therapie dabei sind und sehen, wie ich mit ihrem Kind arbeite. Gleichzeitig ist mir wichtig, dass Eltern nicht das Gefühl bekommen, sie müssten nun alles allein stemmen. Sie sind Co-Therapeutinnen und Co-Therapeuten im Alltag, ja – aber sie dürfen sich auch auf die Fachkompetenz von Therapeutinnen und Therapeuten verlassen. Genau dafür sind wir da.

Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit Kitas, Schulen und anderen Fachkräften?

Sie ist enorm wichtig. Sprache entwickelt sich ja nicht nur in der Therapie, sondern vor allem im Alltag. Wenn therapeutische Impulse im pädagogischen Umfeld aufgegriffen werden, ist das für die Entwicklung unglaublich wertvoll. Im Idealfall gibt es also Austausch mit Erzieherinnen, Lehrkräften, Physiotherapeutinnen oder anderen Beteiligten. Auch Hörtests sind ein wichtiges Thema, weil gutes Hören eine zentrale Voraussetzung für Sprachentwicklung ist. Interdisziplinäre Zusammenarbeit erhöht aus meiner Sicht ganz klar die Wirksamkeit.

Welche Bedeutung hat deiner Erfahrung nach Sprache für Selbstbewusstsein und Teilhabe?

Sprache – oder besser gesagt: Kommunikation – bedeutet Selbstwirksamkeit. Ein Kind, das sich mitteilen kann, wird gehört. Es kann Bedürfnisse äußern, Beziehungen gestalten, Freundschaften aufbauen und sich behaupten. Und dabei ist mir wichtig zu betonen: Kommunikation ist mehr als gesprochene Sprache. Auch Gebärden oder andere unterstützende Kommunikationsformen gehören selbstverständlich dazu. Ohne Sprache oder alternative Kommunikationswege wird Teilhabe schwieriger, aber nicht unmöglich. Kommunikation hat immer zwei Seiten. Deshalb braucht es auch ein Umfeld, das bereit ist zuzuhören und sich auf unterschiedliche Kommunikationsformen einzulassen.

Du arbeitest nun seit vielen Jahren mit Kindern mit Down Syndrom. Welche Erlebnisse sind dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Ganz viele. Natürlich sind da die kleinen großen Momente: wenn ein Kind zum ersten Mal einen Laut imitiert, erstmals eine Gebärde nachahmt oder plötzlich „Mama“ sagt. Solche Momente berühren mich sehr. Genauso schön ist es aber, Kinder über viele Jahre hinweg zu begleiten und dann mitzuerleben, wie sich Türen öffnen. Kürzlich erzählte mir eine Mutter, dass ihre Tochter ein Praktikum in einem Bioladen gemacht hat und dort anschließend direkt ein Jobangebot für die Zeit nach der Schule bekommen hat. Solche Entwicklungen mitzuerleben, ist einfach großartig.

Was wünschst du dir generell gesellschaftlich im Umgang mit Kindern mit Down-Syndrom?

Ich wünsche mir mehr Kompetenz statt Mitleid, mehr Zutrauen statt Begrenzung und mehr Wissen statt Unsicherheit. Viele Menschen meinen es gut, aber gutes Wollen allein reicht eben nicht. Kinder mit Down-Syndrom brauchen keine niedrigen Erwartungen, sondern Menschen, die ihnen etwas zutrauen, sie ernst nehmen und fachlich gut begleiten.

„Der Personalmangel ist die größte Bremse für Inklusion und Teilhabe.“

Wo liegen deiner Meinung nach aktuell die größten Hürden für echte Teilhabe?

Ein großes Thema ist der Personalmangel. Dazu kommen fehlende spezifische Fortbildungen und oft auch eine zu niedrige Erwartungshaltung gegenüber den Kindern. Häufig ist der Wille bei Fachkräften durchaus da, aber die strukturellen Rahmenbedingungen machen vieles schwer. Das gilt besonders im Bildungsbereich. Es gibt Einrichtungen, in denen Inklusion wirklich gelebt wird – mit Haltung, Struktur und Fachwissen. Und es gibt Orte, an denen Inklusion eher auf dem Papier existiert. Echte Inklusion braucht eben nicht nur guten Willen, sondern auch Ressourcen, Fachkompetenz und verlässliche Strukturen.

Erlebst du Unterschiede zwischen Kita und Schule?

Ja, auf jeden Fall. Der Auftrag von Kita und Schule ist unterschiedlich. In der Kita gibt es häufig mehr Freiraum, um individuell auf Kinder einzugehen. In der Schule ist der Druck oft ein anderer: große Gruppen, feste Lernziele, viele unterschiedliche Bedürfnisse gleichzeitig. Deshalb ist Inklusion dort oft schwerer umzusetzen. Nicht unbedingt wegen mangelnder Haltung, sondern weil das System an vielen Stellen an Grenzen stößt.

Wenn du einen politischen Wunsch frei hättest – was müsste sich sofort ändern?

Ich würde mir mehr spezialisierte Frühförderangebote wünschen, mehr Fortbildungen für Fachkräfte, kleinere Gruppen, mehr interdisziplinäre Konzepte und vor allem eine realistische Finanzierung von Inklusion. Denn gute Förderung hängt nicht nur von Engagement ab, sondern auch davon, ob die nötigen Ressourcen tatsächlich vorhanden sind.

Werden werdende oder frischgebackene Eltern deiner Erfahrung nach gut genug informiert?

Die Erfahrungen sind hier sehr verschieden, aber häufig sind die Informationen zu einseitig und nicht ausgewogen. Oft wird sehr ausführlich über medizinische Risiken gesprochen, aber deutlich weniger über Entwicklungsmöglichkeiten, Förderansätze und die tatsächliche Lebensrealität von Kindern mit Down-Syndrom. Genau das fehlt vielen Familien am Anfang: ein realistisches, aber auch ermutigendes Bild. Also nicht Schönfärberei – aber eben auch nicht nur Defizite. Eltern brauchen Wissen, Orientierung und konkrete Unterstützung.

„Es wird nicht alles gut, aber es wird gut.“

Was möchtest du Eltern von Kindern mit Down-Syndrom gern mit auf den Weg geben?

Ein Satz ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: „Es wird gut. Es wird nicht alles gut, aber es wird gut.“ Das finde ich sehr treffend. Denn welches Familienleben ist schon immer nur leicht? Es gibt in jeder Familie Herausforderungen. Wichtig ist, dass Eltern gute Begleitung bekommen, passende Unterstützung finden und sich nicht allein fühlen. Dann kann sehr viel wachsen.

Hast du darüber hinaus noch einen ganz persönlichen Rat für die Eltern?

Ja. Euer Kind ist nicht definiert durch Trisomie 21, sondern durch die Freude, die es ins Leben bringt, und die einzigartigen Perspektiven, die es euch lehrt.

Vielen Dank für das Interview!

 

Steckbrief

Diana Bangratz ist Diplom-Logopädin mit langjähriger Erfahrung in der Sprachtherapie. Seit 2008 hat sie sich auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit Down-Syndrom spezialisiert und begleitet Familien sowie Fachkräfte mit viel Fachwissen und Empathie. Mit ihrem Projekt „t21 we learn“ teilt sie ihre Expertise rund um Sprachförderung, Neurodivergenz und individuelle Entwicklung. Ihr Ansatz verbindet fundierte Methoden mit einem sehr persönlichen Blick auf jedes einzelne Kind – immer mit dem Ziel, Potenziale zu stärken und Kommunikation zu ermöglichen.

Das Porträt zeigt Logopädin Diana Bangratz, wie sie lächelnd in die Kamera blickt. Sie trägt ein schwarzes Oberteil und steht vor einem weich verschwommenen, natürlichen Hintergrund in warmen Grüntönen.