Herr Bitter, was hat Sie persönlich in die Gesundheitsbranche gebracht?
Im Grunde mein Elternhaus. Ich komme aus dem Münsterland. Meine Eltern hatten dort einen Betrieb für Orthopädie-Schuhtechnik, den heute meine Schwester weiterführt. Dadurch hatte ich schon früh Kontakt zur Orthopädie. Mich hat das Thema sofort fasziniert. Gleichzeitig war mir die reine Schuhtechnik irgendwann zu einseitig. Der Orthopädie-Schuhtechniker versorgt in der Regel bis zum Knie. Das ist schon sehr komplex, keine Frage. Aber ich wollte den ganzen Menschen betrachten. So bin ich zur Orthopädietechnik gekommen.
Was hat Sie an diesem Beruf gereizt?
Vor allem die individuelle Versorgung von Menschen. Das habe ich schon im Betrieb meiner Eltern erlebt. Man arbeitet nicht einfach irgendein Produkt ab, sondern schaut: Was braucht dieser Mensch? Wie kann ich ihm helfen und wie kann ich Mobilität ermöglichen? In unserem Handwerk gibt es den Satz: Der Mensch ist das Maß. Das beschreibt ziemlich gut, worum es geht. Natürlich gibt es standardisierte Hilfsmittel. Aber am Ende muss jedes Hilfsmittel zum Menschen passen – körperlich, medizinisch und auch im Alltag.
Ihr Weg führte Sie später nach Ostwestfalen. Wie kam es dazu?
Nach meiner Ausbildung wollte ich verschiedene Betriebe kennenlernen und bin erst einmal ein bisschen durch Deutschland gewandert. Dann entstand damals der Studiengang Orthopädie- und Rehatechnik, den man zu der Zeit nur in Gießen studieren konnte. Ich war 25 und dachte: Das passt jetzt. Parallel zum Studium habe ich meine Meisterprüfung als Orthopädietechniker gemacht, außerdem die Meisterprüfung zum Schuhtechniker. Im Studium habe ich später den Schwerpunkt Wirtschaft gewählt, weil bei mir schon lange der Wunsch nach Selbstständigkeit vorhanden war. Ich wollte nicht nur fachlich gut aufgestellt sein, sondern auch betriebswirtschaftlich verstehen, wie ein Unternehmen funktioniert. Nach verschiedenen Stationen bin ich 2007 nach Ostwestfalen gekommen, zunächst zur Auguste-Viktoria-Klinik in Bad Oeynhausen. Dort habe ich die Werkstatt geleitet. 2017 bin ich dann zu Orthopartner Westerholt gewechselt und ins Unternehmen eingestiegen.
Orthopartner ist inzwischen deutlich gewachsen. Wie groß ist das Unternehmen heute?
Aktuell haben wir rund 140 Mitarbeitende. Unser Versorgungsgebiet reicht von Bonn bis Bremen. Das klingt erst einmal nicht besonders regional. Für uns ist Regionalität aber trotzdem ein zentraler Punkt, weil wir an den jeweiligen Standorten mit Filialen und Teams präsent sind. Gerade bei Hilfsmitteln ist Nähe wichtig. Wenn ein Rollstuhl nicht funktioniert, wenn Bremsen nachjustiert werden müssen oder bei einem elektrischen Hilfsmittel der Akku streikt, dann braucht der Kunde schnell Hilfe. Viele Menschen sind ohne ihr Hilfsmittel sofort immobil. Deshalb müssen wir erreichbar sein – im Sanitätshaus, aber oft auch direkt zu Hause.
Was unterscheidet Orthopartner von einem klassischen Sanitätshaus?
Zum einen die Breite der Versorgung. Zum anderen unser Anspruch, Menschen durch verschiedene Stationen hinweg zu begleiten. Ostwestfalen ist eine starke Gesundheitsregion mit vielen Rehakliniken. Viele Menschen aus dem Rheinland, dem Ruhrgebiet oder aus Norddeutschland kommen zur Reha hierher und gehen danach zurück in ihr häusliches Umfeld. Genau dort entsteht häufig eine Lücke. In der Klinik gibt es Ärzte, Therapeuten und eine enge Begleitung. Zu Hause muss dann vieles neu organisiert werden. Wir versuchen, diesen Übergang mitzudenken und Menschen nicht nur während der Reha, sondern auch danach weiter zu versorgen. Das ist ein wichtiger Unterschied.
„Barrierefreiheit ist eine Folge unserer Arbeit.“
Sie sprechen viel von Mobilität. Ist Barrierefreiheit für Sie automatisch Teil Ihrer Arbeit?
Ja, aber Barrierefreiheit ist eher eine Folge unserer Arbeit. Unser erstes Thema ist die Mobilisierung von Menschen. Viele kommen zu uns, weil sie ein Mobilitätsproblem haben. Wenn ein Mensch nicht mehr aus dem Haus kommt, hat das enorme Folgen. Dann fehlen soziale Kontakte. Das kann psychisch belasten und am Ende auch körperliche Erkrankungen begünstigen. Wer sich nicht bewegt, nicht an die frische Luft kommt, nicht in die Sonne kommt, verliert Lebensqualität. Deshalb geht es bei Hilfsmitteln nie nur um Technik. Es geht darum, Teilhabe zu ermöglichen. Und aus diesem Anspruch entsteht zwangsläufig auch das Thema Barrierefreiheit: Wie kommt jemand wieder durch die Wohnung? Wie kommt er aus dem Haus? Welche Rampe braucht es? Welche Griffe? Welche Umbauten? Wie kann das häusliche Umfeld so gestaltet werden, dass Mobilität überhaupt möglich bleibt?
„Bei Hilfsmitteln geht es nie nur um Technik. Es geht darum, Teilhabe zu ermöglichen.“
Viele denken bei Hilfsmitteln wahrscheinlich zuerst an Rollatoren oder Rollstühle. Wie individuell ist so eine Versorgung wirklich?
Das hängt sehr vom Hilfsmittel und vom Krankheitsbild ab. Einen Rollator kann man eher standardisiert betrachten. Bei einem Rollstuhl sieht das schon ganz anders aus. Da gibt es einfache Standardrollstühle, die vor allem für den Transfer gedacht sind. Dann gibt es Aktiv- oder Adaptivrollstühle, die deutlich individueller eingestellt werden können. Wenn jemand den ganzen Tag im Rollstuhl sitzt, reicht ein einfaches Modell in der Regel nicht aus. Dann geht es um Sitzeinheiten, Rücken, Fußstützen, Beinstützen, Lagerung, Druckentlastung und vieles mehr. Bei Menschen mit Lähmungsbildern, etwa nach einem Schlaganfall, ist die Versorgung oft hochkomplex. Ein Bereich ist der Reha-Sonderbau. Dabei wird zum Beispiel ein konfektioniertes Untergestell mit einer individuell gefertigten Sitzschale kombiniert. Das ist dann Maßarbeit.
Das klingt schnell nach Hightech.
Das ist es auch. Wir haben heute Versorgungen, bei denen Menschen ihren Elektrorollstuhl mit den Augen oder mit dem Kinn steuern können, weil sie den Kopf nicht mehr bewegen können oder vom Hals abwärts gelähmt sind. Solche Hilfsmittel können in Einzelfällen auch bis zu 50.000 Euro kosten. Natürlich ist das viel Geld. Aber wir leben in einem solidarischen Gesundheitssystem. Ich zahle gerne in dieses System ein, wenn dadurch Menschen, die schwere Schicksalsschläge erleben, weiter am Leben teilhaben können. Denn sonst hätten sie diese Möglichkeit nicht. Auch in der Prothetik ist enorm viel passiert. Es gibt mikroprozessorgesteuerte Gelenke, die in Bruchteilen von Sekunden erkennen, in welcher Gehphase sich ein Mensch befindet und wie schnell er läuft. Das Gelenk passt sich dann entsprechend an. Diese Technik entwickeln wir nicht selbst, das macht die Industrie. Aber wir verbauen, justieren und passen sie so an, dass Menschen damit wirklich laufen können.
Wie läuft der Weg zu einer individuellen Versorgung ab?
Ganz unterschiedlich. Oft kommen Menschen aus Kliniken oder Rehakliniken zu uns. Dann arbeiten wir eng mit Ärzten, Therapeuten und Pflegekräften zusammen. Das ist ideal, weil man interdisziplinär schauen kann: Was braucht dieser Mensch wirklich? Andere kommen direkt zu uns. Zum Beispiel nach einer Amputation. Dann ist klar: Da fehlt ein Bein, also braucht es eine Prothese. Aber die Prothese allein macht noch keine Mobilität. Wie beim Tennis: Der Schläger macht niemanden zum Wimbledon-Sieger. Es braucht Training, Gehschule, therapeutische Begleitung und die Bereitschaft, sich auf das Hilfsmittel einzulassen. Bei Maßversorgungen nehmen wir Abdrücke oder nutzen Scantechnologien. Wir können Menschen heute auch digital erfassen. Aber nicht alles geht digital. Manches funktioniert nach wie vor am besten mit klassischen Abdruckverfahren. Danach wird ein Modell erstellt, angepasst, getestet, verändert und finalisiert. Gerade bei Sitzschalen kann schon eine falsche Lagerung dazu führen, dass Spastiken verstärkt werden. Das braucht Erfahrung.
Wo liegen die größten Hürden?
Die erste Hürde ist oft die Genehmigung. Je individueller eine Versorgung ist, desto aufwendiger wird sie in der Begründung. Wir müssen erklären, warum genau dieses Hilfsmittel notwendig ist und warum eine andere Lösung nicht ausreicht. Manchmal müssen Videos erstellt werden. Manchmal müssen verschiedene Varianten getestet werden. Dann prüfen Kostenträger, medizinische Dienste und weitere Stellen. Bei sehr komplexen Versorgungen kann dieses Verfahren viele Monate dauern, bis eine Entscheidung getroffen wird. Nicht immer, aber es kann passieren. Und wenn die Genehmigung endlich da ist, denken viele verständlicherweise: Jetzt kann es doch losgehen. Aber dann muss das Hilfsmittel oft noch gebaut, angepasst und getestet werden. Dazu kommen Lieferkettenprobleme. Es gab Phasen, in denen bestimmte Materialien oder Bauteile nicht verfügbar waren. Aluminium, elektronische Komponenten, Teile mit seltenen Erden – solche Themen betreffen auch unsere Branche. Man merkt dann sehr deutlich, wie global der Welthandel geworden ist.
„Qualität und Kontrolle sind wichtig, keine Frage. Aber manchmal wäre mehr Flexibilität sinnvoll.“
Was bedeutet diese Bürokratie für die Menschen, die auf Hilfsmittel warten?
Sie bedeutet vor allem: Zeit geht verloren. Und Zeit ist in vielen Fällen entscheidend. In der Palliativversorgung zum Beispiel kann man nicht wochenlang warten. Wenn freitags die Nachricht kommt, dass jemand am Samstag nach Hause entlassen wird und ein Pflegebett braucht, müssen wir reagieren. Natürlich liefern wir dann. Aber formal bewegen wir uns manchmal in einer schwierigen Situation, weil die Genehmigung noch nicht da ist. Das System ist sehr streng reguliert. Qualität und Kontrolle sind wichtig, keine Frage. Aber manchmal wäre mehr Flexibilität sinnvoll. Wir brauchen an bestimmten Stellen mehr Vertrauen in die Fachlichkeit der Leistungserbringer, damit Menschen schneller versorgt werden können. Ich bin überzeugt: Wenn wir Patienten schneller und passend in die Häuslichkeit bringen, spart das am Ende sogar Prozesskosten.
Digitalisierung könnte dabei helfen. Wo steht die Branche aus Ihrer Sicht?
Im Gesundheitswesen wird viel über Digitalisierung gesprochen. Aber wir erleben oft, dass digitale Prozesse am Ende wieder analog werden. Für Apotheken gibt es das E-Rezept. Für Hilfsmittel gibt es das in dieser Form noch nicht. Wir brauchen weiterhin Papierrezepte, Originalunterschriften und analoge Abrechnungswege. Das ist absurd. Wir haben teilweise digitale Abläufe und müssen sie für die Abrechnung wieder ausdrucken. Dabei könnte Digitalisierung vieles vereinfachen: für Patienten, Ärzte, Krankenkassen und Leistungserbringer.
Ein großer Teil Ihrer Arbeit ist Beratung. Wie wichtig ist Vertrauen?
Extrem wichtig. Ein Hilfsmittel begleitet Menschen oft den ganzen Tag. Es entscheidet darüber, ob jemand sitzen, stehen, laufen, das Haus verlassen oder am sozialen Leben teilnehmen kann. Da geht es nicht nur um Maße und Technik. Da geht es um Würde, Lebensqualität und Vertrauen. Deshalb braucht es neben der fachlichen auch eine persönliche Qualifikation. Nicht jeder Mensch ist für jede Versorgung geeignet. Das ist auch in Ordnung. Wir haben Mitarbeitende, die sehr gut im Innendienst sind. Andere sind stark im technischen Service. Wieder andere haben ein besonderes Händchen für Kinder, für Menschen mit geistiger Behinderung oder für sehr komplexe Versorgungen. Wir schulen regelmäßig. Donnerstags ist bei uns Schulungstag. Dazu kommen digitale Schulungsmodule, Onboarding und Training on the Job. Wir haben viele Quereinsteiger, ohne die es in unserer Branche gar nicht gehen würde. Aber am Ende muss es auch menschlich passen.
„Man darf Menschen nicht auf ihre Behinderung reduzieren. Gleichzeitig muss man verstehen, dass manche Situationen mehr Zeit, Geduld und Erfahrung brauchen.“
Sie versorgen auch Einrichtungen wie den Wittekindshof. Was braucht man für diese Arbeit?
Ein gewisses Händchen. Dort begegnet man Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen, manchmal auch Kindern. Das ist nicht für jeden etwas. Aber wer weiß, wie er mit Menschen umgehen kann, wer offen ist und die richtige Haltung mitbringt, kann dort sehr viel zurückbekommen. Man darf Menschen nicht auf ihre Behinderung reduzieren. Gleichzeitig muss man verstehen, dass manche Situationen mehr Zeit, Geduld und Erfahrung brauchen. Wenn jemand damit überfordert ist, muss man das weder dem Kunden noch dem Mitarbeiter zumuten. Dann sollte man eine Aufgabe finden, die besser passt.
„Manchmal hört man den Vorwurf, die Gesundheitsbranche bereichere sich am Elend anderer Menschen. Das halte ich für grundfalsch.“
Gibt es ein Erlebnis, das Ihnen besonders gezeigt hat, was Hilfsmittel bewirken können?
Da gibt es viele. Der Klassiker ist natürlich die Prothese: Vorher kann jemand nicht laufen, mit der Versorgung kann er wieder laufen. Aber ein Erlebnis aus meiner Ausbildung hat mich besonders geprägt. Ich habe damals einen Jungen begleitet, der an Muskeldystrophie erkrankt war. Bei dieser Krankheit bildet sich die Muskulatur nach und nach zurück. Die Lebenserwartung ist oft sehr begrenzt. Er wurde mit einem Korsett und einem Rollstuhl versorgt. Durch diese Versorgung konnte er noch einmal raus, Sonne erleben, frische Luft atmen, am Leben teilnehmen. Das war eine sehr prägende Erfahrung. Auch weil ich miterlebt habe, wie dieses Kind später verstorben ist. Solche Situationen muss man verarbeiten. Aber sie zeigen auch, warum diese Arbeit wichtig ist. Manchmal hört man den Vorwurf, die Gesundheitsbranche bereichere sich am Elend anderer Menschen. Das halte ich für grundfalsch. Diese Menschen brauchen Unterstützung. Sie brauchen Möglichkeiten. Sie brauchen Lebensqualität. Die Alternative kann doch nicht sein, wegzuschauen.
Sie haben auch im Ausland erlebt, wie anders mit Behinderung umgegangen werden kann.
Ja, ich war in jungen Jahren einmal in Weißrussland und habe dort ein Behindertenheim besucht. Das war erschütternd. Diese Heime lagen weit außerhalb, waren von hohen Mauern und Stacheldraht umgeben. Der Umgangston war kasernenartig. Ich habe Menschen gesehen, die in Betten festgebunden wurden. Das war gruselig. Da stellt sich schon die Frage: Was ist die Alternative? Menschen hinter Mauern verschwinden zu lassen? Den Kopf in den Sand zu stecken? Für mich ist klar: Menschen mit Behinderung sind keine Menschen zweiter Klasse. Und niemand weiß, ob er nicht selbst irgendwann auf Hilfe angewiesen ist. Ein Unfall, eine Krankheit, ein Schlaganfall – das Leben kann sich sehr schnell verändern.
„Menschen mit Behinderung sind keine Menschen zweiter Klasse. Und niemand weiß, ob er nicht selbst irgendwann auf Hilfe angewiesen ist.“
Was lernen Menschen ohne Behinderung zu wenig über Mobilität?
Dass viele Barrieren uns gar nicht auffallen, weil wir einfach darüber hinwegsteigen. Eine Bahnsteigkante, eine enge Toilette, ein Taxi, ein Gefälle, eine Steigung – für Rollstuhlfahrer sind das echte Hindernisse. Selbst in Ostwestfalen spielt die Topografie eine Rolle. Im Münsterland ist vieles flach. Hier haben wir Hügel. Wer einen mechanischen Rollstuhl nutzt, merkt das sofort. Deshalb spielt Elektrifizierung eine immer größere Rolle. Nicht, weil jeder gleich ein großes Elektrofahrzeug braucht, sondern weil ein Zusatzantrieb helfen kann, längere Strecken von zwei oder drei Kilometern zu schaffen. Mobilität ist Freiheit. Aber Freiheit sieht im Rollstuhl anders aus als auf zwei gesunden Beinen.
Orthopartner ist nicht nur Versorger, sondern auch Arbeitgeber. Was bedeutet Führung in einem Unternehmen mit 140 Mitarbeitenden?
In der Geschäftsführung ist man weniger an der Basis als früher. Dafür hat man sehr viel mit Menschen zu tun – nur eben mit anderen Menschen: Mitarbeitende, Partner, Kostenträger, Kliniken, Kunden. Man muss grundsätzlich Interesse an Menschen haben. Sonst wird es schwierig. Wir versuchen, ein Unternehmen zu sein, das fachlich stark ist und gleichzeitig Werte lebt. Dazu gehören Regionalität, Verlässlichkeit, Nachhaltigkeit und Gesundheit. Bei unserem Neubau haben wir uns zum Beispiel bewusst für Photovoltaik entschieden und setzen im Pkw-Bereich zunehmend auf Elektromobilität. Bei Transportern geht das wegen der Reichweiten noch nicht überall. Aber wir gehen Schritt für Schritt. Auch für Mitarbeitende bieten wir einiges an: gute Arbeitsbedingungen, Schulungen, Gesundheitsangebote, Obst, Getränke. Gleichzeitig glaube ich nicht, dass Arbeit nur über Zusatzleistungen attraktiv wird. Der Kern muss stimmen. Der Beruf muss Sinn ergeben. Wer nur eine Hängematte sucht, wird auf Dauer nirgendwo glücklich.
„Aber es braucht Menschen, die Lust haben, sich auf unsere Arbeit einzulassen. Die verstehen, dass es nicht nur um Produkte geht, sondern um Menschen.“
Sie sprechen auch kritisch über den Begriff Fachkräftemangel. Warum?
Weil nicht jeder verfügbare Mensch automatisch eine Fachkraft ist. In unserer Branche sind echte Fachkräfte rar. Orthopädietechnikerinnen und Orthopädietechniker mit Erfahrung zu finden, ist schwierig. Deshalb qualifizieren wir viele Menschen selbst, auch Quereinsteiger. Wir bieten ihnen Training on the Job und damit oft eine zweite oder dritte berufliche Chance. Aber es braucht Menschen, die Lust haben, sich auf unsere Arbeit einzulassen. Die verstehen, dass es nicht nur um Produkte geht, sondern um Menschen. Wer das mitbringt, kann in dieser Branche sehr viel bewegen.
Wie blicken Sie auf die Zukunft des Unternehmens?
Arbeit wird uns nicht ausgehen. Der Bedarf ist da. Die Menschen werden älter, Erkrankungen nehmen zu und die häusliche Versorgung wird immer wichtiger. Die Herausforderung ist nicht, ob es genug zu tun gibt. Die Herausforderung ist, wie wir die Abläufe so gestalten, dass sie finanzierbar bleiben. Die Kosten sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen: Personal, Energie, Material, Mobilität, Lieferketten. Gleichzeitig stehen die Vergütungen im Gesundheitswesen unter Druck. Das ist eine schwierige Schere. Wir sind stark gewachsen. Jetzt geht es auch darum, Strukturen zu konsolidieren. Man kann nicht jedes Jahr überproportional wachsen und ständig neue Standorte eröffnen. Standorte müssen sich setzen. Prozesse müssen funktionieren. Der Fuhrpark, die Werkstätten, die Verwaltung, die Mitarbeitenden – all das muss mitwachsen.
Also kein Orthopartner-Standort in Bayern?
Aktuell nicht. Unser Gebiet von Bonn bis Bremen ist bereits sehr überregional. Gleichzeitig wollen wir Regionalität wahren. Das ist ein Spagat. Was die Zukunft bringt, wissen wir nicht. Aber unser Fokus liegt darauf, in unserem Gebiet verlässlich, nahbar und gut aufgestellt zu bleiben.
Was wünschen Sie sich für das Gesundheitssystem?
Mehr Flexibilität, mehr Vertrauen in Fachlichkeit und mehr Blick auf den Gesamtprozess. Es geht nicht darum, unkontrolliert Geld auszugeben. Im Gegenteil. Wir sollten gemeinsam überlegen, wie wir Versorgung schneller, sinnvoller und effizienter machen können. Wenn ein Hilfsmittel dafür sorgt, dass ein Mensch früher aus der Klinik nach Hause kann, länger in der eigenen Wohnung lebt oder wieder am sozialen Leben teilnimmt, dann ist das nicht nur menschlich wertvoll. Es kann auch volkswirtschaftlich sinnvoll sein. Wir müssen wieder stärker vom Menschen aus denken. Denn am Ende ist genau das unser Beruf: Menschen mobilisieren, Barrieren abbauen und Teilhabe ermöglichen.
Vielen Dank für das Gespräch!