Perspektiven

„Führung in der Pflege funktioniert nicht vom Schreibtisch aus.“: Interview mit Pflegedirektor Niclas Frie

Pflegedirektor Niclas Frie über politische Fehlentscheidungen, Fachkräftemangel und warum eine leise Intensivstation Leben rettet

Heller, moderner Empfangs- oder Wartebereich mit Glaswänden, weißen Böden, großen Zimmerpflanzen und grünen Lounge-Sesseln in einer ruhigen, freundlichen Klinik- oder Büroumgebung.
Wie wird man Pflegedirektor? Bei Niclas Frie begann alles nicht mit einem Karriereplan, sondern mit einem Zivildienst. Heute verantwortet er als Pflegdirektor am Campus-Ost des Medizinischen Zentrum für Gesundheit Bad Lippspringe GmbH einen komplexen Verbund aus Akutmedizin und Rehabilitation. Im Interview spricht er über seinen ungewöhnlichen Berufsweg, politische Fehlentwicklungen im Pflegesystem, Digitalisierung als echte Entlastung – und darüber, warum weniger Lärm auf der Intensivstation Leben retten kann.

Herr Frie, wie begann Ihr Weg in die Intensivpflege?

Ehrlich gesagt: eher zufällig. Ich wollte ursprünglich wie mein Vater einen technischen Beruf ergreifen. Technik hat mich immer interessiert und das tut sie bis heute. Dann kam der Zivildienst. Ich war im Rettungsdienst eingesetzt und habe dort gemerkt: Pflege ist ein Beruf mit Perspektive. Man kann sich fachlich entwickeln, Verantwortung übernehmen und gleichzeitig technisch arbeiten. Gerade die Intensivpflege verbindet Medizin, Technik und Teamarbeit auf eine besondere Weise. Das hat mich sofort gepackt.

Plädieren Sie also für eine Rückkehr von Formaten wie dem Zivildienst?

Absolut. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen sind genau so zur Pflege gekommen. FSJ, Bundesfreiwilligendienst oder früher der Zivildienst sind keine „billigen Arbeitskräfte“, sondern die wichtigste Nachwuchsquelle. Schulpraktika reichen oft nicht aus, weil Jugendliche kaum aktiv mitarbeiten dürfen. Wer Pflege wirklich erlebt, entscheidet sich viel eher für eine Ausbildung. Deshalb halte ich solche Formate für extrem wichtig.

Ihr Aufstieg zum Pflegedirektor war kein klassischer Karrieresprung.

Nein, das war eher ein kontinuierliches Hineinwachsen. Ich habe hier auf der Intensivstation angefangen, Zusatzqualifikationen übernommen und früh Verantwortung gesucht. Zuerst wurde ich Medizinproduktebeauftragter – schlicht, weil es sonst keiner machen wollte. Danach folgten Fachweiterbildung, stellvertretende Stationsleitung, später die Stationsleitung. Mit dem Wachstum des Hauses entstand eine Bereichsleitung für mehrere Beatmungsstationen. Parallel durfte ich den pflegerischen Teil eines großen Neubauprojekts mitentwickeln. Irgendwann stand dann die Frage im Raum, ob ich die Pflegedienstleitung übernehmen möchte. Die schwerste Entscheidung war dabei nicht die Führungsrolle – sondern die Erkenntnis, dass ich die direkte Arbeit am Patienten verlassen würde.

„FSJ und Zivildienst sind keine günstigen Arbeitskräfte – sie sind unsere Fachkräfte von morgen.“

Vermissen Sie die Arbeit auf Station?

Ja, definitiv. Lange habe ich bewusst weiterhin Dienste übernommen, einfach um nah an der Praxis zu bleiben. Heute passiert das deutlich seltener. Aber ich bin überzeugt: Führung funktioniert in der Pflege nur, wenn man die Realität kennt. Wer ausschließlich vom Schreibtisch aus entscheidet, verliert irgendwann den Bezug zum System.

Wie sieht denn ein typischer Arbeitstag eines Pflegedirektors aus?

Einen klassischen Nine-to-five-Tag gibt es nicht. Mein Arbeitstag beginnt meist zwischen sechs und acht Uhr. Nach einem kurzen Lageüberblick startet jeden Morgen ein Jour fixe mit der Pflegedienstleitung. Danach bestimmen Projekte, Abstimmungen und Entscheidungen den Tag. Rund 60 Prozent meines Kalenders bestehen aus festen Austauschformaten. Am Nachmittag versuche ich bewusst, Zeit für meine Kinder einzuplanen. Viele Aufgaben erledige ich später mobil von zu Hause. Mir ist wichtig, Familie und Führung miteinander vereinbar zu machen – etwas, das früher kaum möglich war.

Welche Eigenschaften braucht eine Führungskraft in der Pflege heute?

Fachliche Kompetenz ist die Grundlage. Man muss wissen, wie Pflege funktioniert. Aber die entscheidende Zukunftskompetenz ist Resilienz. Der Druck im Gesundheitswesen wächst ständig: politische Vorgaben, wirtschaftliche Anforderungen, Personalmangel. Führungskräfte müssen lernen, diesen Druck zu verarbeiten, ohne gleichgültig zu werden. Und ganz wichtig: Man muss die Menschen kennen. Ich kenne viele Mitarbeitende persönlich – nur so verstehe ich ihre Probleme und kann gemeinsam Lösungen entwickeln.

„Die wichtigste Kompetenz einer Führungskraft heute ist Resilienz.“

Was läuft aus Ihrer Sicht im Pflegesystem politisch falsch?

Ein Beispiel ist die generalistische Pflegeausbildung. Die Idee war gut gemeint, aber aus meiner Sicht wurde sie falsch umgesetzt. Wir bekommen heute Absolventinnen und Absolventen mit viel theoretischem Wissen, aber oft zu wenig praktischer Handlungssicherheit. Dadurch verlängern sich Einarbeitungszeiten massiv. Auf einer Intensivstation sprechen wir inzwischen von bis zu neun Monaten zusätzlicher Qualifizierung. Das bindet Ressourcen und verschärft indirekt den Fachkräftemangel.

Kann Digitalisierung hier helfen?

Langfristig ja, wenn sie richtig umgesetzt wird. Wir haben beispielsweise eine digitale Patientenkurve eingeführt. Hier werden neben den Vitalwerten quasi alle Daten aus den medizinischen Geräten bis hin zum klassischen Blutzuckermessgerät automatisch ins System übertragen. Pflegekräfte müssen diese also nicht mehr manuell dokumentieren. Das spart täglich enorme Zeit, die wieder den Patientinnen und Patienten zugutekommt. Digitalisierung funktioniert aber nur, wenn Prozesse neu gedacht werden. Analoges einfach digital abzubilden, reicht nicht.

„Weniger Lärm bedeutet mehr Sicherheit.“

Ein viel beachtetes Projekt Ihres Hauses ist die „Silent ICU“. Was steckt dahinter?

Intensivstationen sind extrem laut. Geräte alarmieren ständig – oft ohne echte Relevanz. Pflegekräfte gewöhnen sich daran, Patienten hingegen sind dem Lärm rund um die Uhr ausgesetzt. Wir haben deshalb ein System entwickelt, das Alarme sammelt, filtert und gezielt an die zuständige Pflegekraft weiterleitet. Statt Dauerlärm erhält nur die richtige Person den relevanten Alarm über ein mobiles Gerät. Das Ergebnis: deutlich weniger Stress, bessere Konzentration und ein stabilerer Tag-Nacht-Rhythmus für die Patienten. Besucher betreten unsere Station häufig und fragen zuerst: „Sind wir wirklich schon auf der Intensivstation?“ – weil es so ruhig ist.

Was motiviert Sie trotz aller Herausforderungen?

Ich möchte Dinge verändern. Politische Entscheidungen lassen sich nicht immer beeinflussen, aber ich kann dafür sorgen, dass ihre Auswirkungen für Mitarbeitende und Patienten spürbar besser werden. Außerdem habe ich ein sehr loyales Führungsteam. Gute Zusammenarbeit ist einer der wichtigsten Motivationsfaktoren überhaupt.

„Wir reden öffentlich zu selten darüber, warum Pflege ein guter Job ist.“

Würden Sie jungen Menschen heute noch zur Pflege raten?

Ja – aber ehrlich. Pflege ist kein einfacher Beruf. Schichtdienst, Wochenenden und Feiertage gehören dazu. Gleichzeitig bietet kaum ein Beruf so viele Entwicklungsmöglichkeiten, Arbeitsplatzsicherheit und Karrierewege. Eine frisch examinierte Pflegekraft kann heute auf der Intensivstation mit über 4.000 Euro brutto einsteigen. Das Problem ist: Öffentlich sprechen wir fast nur über die negativen Seiten. Dabei ist das nur ein Teil der Realität. Pflege ist ein anspruchsvoller, aber unglaublich vielseitiger Lebensberuf.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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Steckbrief

Niclas Frie ist Pflegdirektor am Campus-Ost des Medizinischen Zentrum für Gesundheit Bad Lippspringe GmbH. Seine berufliche Laufbahn begann in der Intensivpflege, wo er früh Verantwortung übernahm und sich kontinuierlich fachlich sowie organisatorisch weiterentwickelte. Heute verantwortet er die pflegerische Ausrichtung eines komplexen Verbunds aus Akutmedizin und Rehabilitation. Sein Schwerpunkt liegt auf moderner Pflegeorganisation, Digitalisierung klinischer Prozesse und der Entwicklung zukunftsfähiger Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte. Mit Projekten wie der „Silent ICU“ und mit seinen Impulsvorträgen setzt er sich für innovative Versorgungskonzepte ein, die gleichermaßen Patientensicherheit, Arbeitsqualität und Mitarbeiterzufriedenheit verbessern.

Porträt eines lächelnden Mannes mit Brille, der ein hellblaues Hemd trägt und vor neutralem grauem Hintergrund steht.