Bernhard, stell dich doch einmal kurz vor: Wer bist du und was machst du?
Ich bin Bernhard Nuß, Personal Trainer und Keynote Speaker – und werde bald 65. Eigentlich müsste ich ja langsam kürzertreten, aber davon bin ich weit entfernt. Ich habe vor rund 20 Jahren beschlossen, mein Leben zu verändern. Seitdem bringe ich Menschen in Bewegung – körperlich und mental.
Du wirst oft „Eiserner Franke“ genannt. Woher kommt dieser Name?
Der Name ist zweideutig. Zum einen habe ich 2018 einen zehnfachen Ironman absolviert. Zum anderen steckt da auch meine Geschichte drin: Ich hatte mehrere schwere Radstürze, beide Schlüsselbeine waren gebrochen und seitdem habe ich im ganzen Körper Metallplatten. Ich habe also nicht nur einen eisernen Willen, sondern auch ziemlich viel Eisen im Körper (lacht).
Du bist nicht immer sportlich gewesen. Was hat dein Leben verändert?
Ich hatte eine Nahtoderfahrung. Damals lebte ich das Leben eines Vertriebsjunkies und habe eigentlich 24/7 gearbeitet. Durch diesen enormen Stress und Druck habe ich mehrere Magengeschwüre bekommen. Irgendwann hatte ich einen heftigen Niesanfall, habe mir die Nase zugehalten und durch den Druck sind diese dann geplatzt und ich bin innerlich verblutet.
Wie ging es dann weiter?
Ich bin aus meinem Körper ausgestiegen, stand nackt vor mir und habe mich selbst auf dem Boden liegen gesehen. In dem Moment wurde mir bewusst, dass wir die Welt genauso verlassen, wie wir gekommen sind. Direkt danach habe ich ein wunderschönes Licht gesehen und bin diesem Licht auf einer Art Stufe entgegengegangen. Allerdings habe ich nur wenige Stufen geschafft, weil mich der Rettungssanitäter dann ins Leben zurückgeholt hat. Dabei wollte ich gar nicht zurück (lacht). Danach war ich dann drei Monate im Krankenhaus und habe in dieser Zeit komplett abgebaut, bis ich nur noch 45 Kilogramm wog.
Wie hat diese Erfahrung deinen Blick aufs Leben und den Tod verändert?
Danach war nichts mehr wie vorher. Ich habe keine Angst mehr vor dem Tod und lebe seitdem viel bewusster.
Bist du so auch zum Sport gekommen?
Eher auf Umwegen. Erst habe ich doch wieder im Vertrieb gearbeitet – allerdings im Telefonmarketing. Auch dabei habe ich mich wieder übernommen und stand kurz vor einem Burnout. Irgendwann hat meine Frau mich dann zu einer Radtour überredet. Nach einer Stunde im Wald war ich ein neuer Mensch und erst da hat es Klick gemacht.
„Ich verkaufe heute etwas, das man nicht kaufen kann: Gesundheit.“
Mittlerweile hast du mit 66 Langdistanz-Triathlon-Wettbewerben in einem Jahr einen Weltrekord aufgestellt und bist ein echter Extremsportler. Woher nimmst du die Energie?
Ganz einfach: Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und liebe, was ich tue. Als Personaltrainer verkaufe ich Menschen jetzt etwas, was man eigentlich nicht kaufen kann – Gesundheit. Das ist eine ganz andere Motivation und es erfüllt mich sehr.
Du bist außerdem Speaker und hältst vor Führungskräften aber auch anderen Spitzensportlern Vorträge.
Genau. Im März 2026 habe ich zum Beispiel einen Motivationsvortrag beim Frauenfußball-Team des VFL Wolfsburg gehalten – einen Tag, bevor sie das Champions-League-Finale gegen ihren Angstgegner Olympique Lyon gewonnen haben. Ich spreche aber auch vor Wirtschaftsvertretern, Verbänden oder Vereinen.
Du engagierst dich außerdem stark für Menschen mit Behinderung, besonders im Sport. Wie kam es dazu?
2006 habe ich den Verein „Never Walk Alone Nürnberg e.V.“ gegründet. Kurz danach kam ein Sportfotograf auf mich zu. Er erzählte mir von einer Mutter aus der Nachbarstadt Fürth, die ein Kind mit Down Syndrom hat. Diese Mutter hatte erfahren, dass es in den USA jemanden gibt, der trotz Down Syndrom einen Marathon gelaufen ist. Sie hat dann eine Staffel mit 21 Menschen gegründet, die Trisomie 21 haben und gemeinsam einen Marathon laufen wollten – also jeder einzelne zwei Kilometer der Gesamtstrecke. Sie wollte wissen, ob ich bereit wäre, diese Staffel zu trainieren. Das hatte ich und so bin ich 2008 das erste Mal mit beeinträchtigten Sportlern in Kontakt gekommen. Das war mein Einstieg und seitdem hat mich das Thema nicht mehr losgelassen.
Wird die Leistungsfähigkeit von Menschen mit Behinderung unterschätzt?
Absolut. Natürlich haben sie ihre eigenen Grenzen. Aber innerhalb dieser Grenzen ist unglaublich viel möglich. Was mich immer wieder beeindruckt, ist ihr Ehrgeiz. Wenn sie sich etwas vornehmen, ziehen sie das durch. Ich war zum Beispiel mit einem Sportler mit Down-Syndrom am Kilimandscharo – über 4.000 Meter hoch. Das hätte vorher kaum jemand geglaubt.
Der US-Amerikaner, von dem du gerade erzählt hast – Chris Nikic – hat wie viele Menschen mit Down Syndrom sogar einen angeborenen Herzfehler…
Ja – und trotzdem ist er enorm leistungsfähig. Mittlerweile hat er einen Iron Man absolviert: das sind fast vier Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer auf dem Rad und 42 Kilometer Laufen. Eine unglaubliche Leistung.
Was müsste sich denn im Breitensport ändern, damit Inklusion selbstverständlich wird?
Die Vereine müssen sich öffnen. Viele haben Angst, dass es zu viel Aufwand ist oder den normalen Betrieb stört. Aber das Gegenteil ist der Fall. Es bereichert den Verein. Und was viele überrascht: Menschen ohne Behinderung arbeiten unglaublich gerne mit Menschen mit Beeinträchtigung zusammen. Das funktioniert, wenn man es zulässt. Bei uns streiten sich die Leute darum, wer mit wem aus der Inklusionsgruppe trainieren darf. Das ist echte Begegnung. Kein Pflichtprogramm, sondern echtes Miteinander.
Du arbeitest auch mit obdachlosen Menschen. Wie kam es dazu?
Über eine Sponsorin. Sie hat den Kontakt zur Straßenambulanz hergestellt. Am Anfang war es schwierig, denn es wollte niemand so richtig mitlaufen.
Wie hast du die Leute dann doch noch für den Sport begeistert?
Irgendwann kam der Vertriebler in mir durch. Ich habe mich in den Wärmebus gesetzt, Kaffee getrunken und mir ein „Opfer“ ausgesucht. Das war ein junger Mann, der zufälligerweise auch noch Turnschuhe trug. Ich habe mich dann ein wenig mit ihm unterhalten und ihn gefragt, ob er nicht mal eine Runde Laufen gehen möchte. Am nächsten Morgen waren wir dann eine kleine Laufgruppe, der wir neue Turnschuhe gestellt haben. Mittlerweile laufen die auch ohne mich und schicken mir ab und zu Fotos von ihren Trainingseinheiten. Das sind so kleine Erfolgsmomente, die zeigen, was Sport bewirken kann.
Was würdest du Menschen sagen, die sich engagieren wollen, aber nicht wissen, wie?
Der Einstieg ist ganz einfach: Geh zu einer sozialen Einrichtung und sag, dass du helfen willst. Die werden begeistert sein und dir den Einstieg möglichst leicht machen. Du brauchst keine besonderen Fähigkeiten. Fang klein an und du wirst sehen, wie du nach und nach immer mehr bewegen kannst. Wichtig ist nur eins: anfangen. Nicht reden. Machen.
„Nicht reden. Machen.“
Du wirst bald 65 und machst weiter wie zuvor. Was treibt dich an?
Ich arbeite nicht mehr gegen mich, sondern mit mir. Und ich sehe, dass ich Menschen bewegen kann – im Kopf und mit dem Körper. Das gibt mir unglaublich viel zurück.
Gibt es etwas, das du unbedingt noch erreichen willst?
Ja. Ich habe kürzlich meinen Rücktritt erklärt – und dann den Rücktritt vom Rücktritt. Nächstes Jahr werde ich mit 66 noch einmal einen zehnfachen Ironman machen.
Was macht doch so sicher, dass du das schaffst?
Training ist wichtig, aber der Kopf und der Wille entscheiden. Ich sage deshalb ganz bewusst nicht, dass ich den zehnfachen Ironman laufen „will“. Nein, ich „werde“ ihn laufen. Das macht einen riesigen mentalen Unterschied.
Wenn du dir etwas für die Zukunft wünschen könntest – was wäre das?
Dass wir das Wort „Inklusion“ irgendwann nicht mehr brauchen.
Das musst du erklären.
Inklusion sollte so selbstverständlich sein, dass wir diesen Begriff gar nicht verwenden müssen. Egal, ob im Sport, im Job oder im Alltag. Erst dann haben wir es wirklich geschafft!
Vielen Dank für das Interview!